Merry Meet

Dieses Jahr fällt die Frühlings Tag-, und Nachtgleiche auf den 20. März. Ein Samstag. Für viele wohl ein ideales Datum um dieses Fest rituell, meditativ oder einfach in Freude zu begehen.

Vor vielen Jahren schrieb meine damalige Covenschwester Willow ein Ostaramärchen, das ich immer um diese Zeit herum vorlese und letztes Jahr auch per Video teilte: siehe HIER

Lange schon wollte ich eine modernere Fassung dieses Märchens schreiben, aber irgendwie blieb es immer in der „Projektschlaufe“ hängen. Gestern jedoch, beim entspannen in der Badewanne, kam es mir wie ein Geistesblitz. Warum das Original, das so schön war und ist, uminterpretieren? Warum nicht eine Fortsetzung schreiben die in unserer Zeit spielt.

Also raus aus der Wanne und vor die Tasten, bevor sich die Idee wieder verflüchtigt.

Das Ergebnis teile ich mit Euch in Form dieses Newsletters, denn ich wüsste keinen besseren Ort um mein modernes, kurzes „Märchen“ zu veröffentlichen. Ich hoffe das auch Willow Freude hat an der Fortsetzung und doch irgendwie Neuinterpretation ihrer Geschichte. Und während ihres mehr an Kinder gerichtet war, ist die Fortsetzung doch etwas mehr auch an die Erwachsenen adressiert.

Das hat sich einfach so ergeben :). Die Audio Version via Video kommt noch diese Woche und auch wenn ich dreimal korrekturgelesen habe, so kann es dennoch noch Fehler im Text haben.

Ich wünsche Euch bereits jetzt ein gesegnetes Fest und magische Momente. Die Zwischenwelt ist derzeit Mittwoch bis Freitag von 12.00 Uhr bis 18.00 Uhr und Samstag von 10.00 Uhr bis 16.00 Uhr geöffnet. Ab April werden die Dienstage übrigens für Beratungen eingesetzt. Mehr dazu allerdings später.

Blessed Be und viel Freude, trotz der immer noch speziellen Zeit.

Ostaras Rückkehr
von Wilhelm «Dreamdancer» Haas

Freya fühlte sich müde. Gerade hatte sie eine Klienten Sitzung hinter sich und wie so oft ging ihr Patient besser gelaunt nach Hause als sie selbst.

„Feierabend“ dachte sie, während sie ihr langes, rotbraunes Haar öffnete, es von der strengen Frisur befreite, von der sie dachte, dass sie ihr Autorität verleihen würde, und es vor dem Spiegel gedankenverloren kämmte.

Ihre psychologische Praxis lief gut und doch fragte sie sich des Öfteren, ob diese Karriere wirklich das war, das sie angestrebt hatte, als sie ihren Pfad damals wählte. Sie stammte aus einfachen Verhältnissen und ihre Vorfahren waren einfache Bauern gewesen, bis sie sich durch ein Ereignis um Ostern herum so etwas wie einen lokalen Bekanntheitsgrad erschaffen hatten.

Nein, nicht Ostern, es war irgendwann um die Frühlings Tag- und Nachtgleiche herum gewesen, dass eine Hannah, vermutlich eine Ur- Ur. Urgrossmutter oder so, eine Begegnung mit einer Göttin gehabt hatte, so erzählte man sich. Und diese Begegnung hätte dazu geführt, dass man den Brauch des Ostereiersuchens „erfand“ und sich dies ganz gross auf die Familienflagge schrieb.

Eine nette Geschichte, aber Freya hatte nie etwas für diesen Mumpitz übrig gehabt, obwohl sie indirekt ihren Namen dieser Story verdankte. Denn Freya, die skandinavische Göttin der Liebe, sei angeblich so etwas wie eine reifere Version dieser „Ostara“, und irgendwie hatte ihre Mutter dieses Märchen ehren wollen, als sie ihr diesen Göttinnen-Namen überstülpte.

Sie mochte ihn nicht.

Mythologie war so gar nicht ihr Ding und das sie Psychologie als Studium gewählt hatte war so etwas wie ein zarter Protest gewesen, mit dem sie sich bewusst diesen Märchen und Sagen entgegensetzte, um sich vom Rest der Familie, die diese Traditionen immer noch hochhielt, abzugrenzen.

Sie konnte es seinerzeit auch nicht erwarten, vom Dorf in die grosse Stadt zu ziehen, um diese kleinbürgerliche Vergangenheit hinter sich zu lassen. Ihre Eltern waren geschieden, die Mutter lebte immer noch auf dem Land und ihr Vater hatte sich auf Nimmerwiedersehen ins Ausland verzogen und jeden Kontakt zu ihr und ihren zwei Geschwistern abgebrochen.

„Eine ganz normale Familie eben“, dachte Freya, während sie ihren Mantel anzog um sich durch die graue Stadt, über die gerade wieder einmal der Winter hereingebrochen war, obwohl der Frühling eigentlich schon in voller Blüte stehen sollte, auf den Heimweg zu machen.

Es war kalt und ein paar einsame Schneeflocken rieselten auf den Asphalt herab. Die Menschen starrten mürrisch vor sich hin, einige trugen Masken, mit denen sie sich einen Virus vom Leib halten wollten, der nun schon monatelang die Schlagzeilen beherrschte.

Anderen wiederum stand die Unzufriedenheit ins Gesicht geschrieben und die wenigen die lächelten nahm Freya als Oberflächlich und verlogen war. Und sie bezog sich auf ihre Stärke als Psychologin um das beurteilen zu können und den Schmerz hinter diesem aufgesetzten Lächeln zu erkennen.

So dachte sie jedenfalls.

Es war erst Mittag, denn sie hatte sich die Freiheit herausgenommen ihre Praxis bereits um 12 Uhr zu schliessen und sich einen freien Nachmittag zu gönnen. Deshalb hatte sie auch genug Zeit es etwas langsamer anzugehen als gewöhnlich und die Strecke zu laufen, anstatt die U-Bahn zu nehmen, die sie fast vor die Haustüre transportieren würde.

Sie lief nicht oft zu Fuss und das Grau war eigentlich auch nicht gerade einladend.

Die Sonne versteckte sich hinter den Wolken, mit denen ein Tiefdruckgebiet alles in seiner Macht stehende unternahm, um den Menschen noch das letzte bisschen gute Laune auszutreiben.

Doch die frische, klare Luft tat ihr gut und die Abwechslung, so hoffte sie, würde sie davon ablenken, sich mit ihrem Leben und ihren gescheiterten Beziehungen auseinanderzusetzen, die dieses Leben in den letzten zehn Jahren dominierten, wenn sie nicht gerade damit beschäftigt war Patienten zu analysieren und ihnen die notwendige Hilfe zukommen zu lassen, die sie für richtig hielt.

Sie hatte es mit Männern versucht, mit Frauen, aber trotz allem hatte niemand es geschafft ihr Herz zu berühren. Der Sex war oft gut, aber sobald es etwas Ernsteres werden sollte, meist auf Initiative ihrer jeweiligen Lebensbegleitung hin, bekam sie das Gefühl, dass sie sich eigentlich auf nichts einlassen wollte. Wohl um ihre Freiheit nicht zu verlieren.

Und sie beendete diese Farcen dann ebenso kurz und schmerzlos. Natürlich nur eine Farce in ihrer Wahrnehmung, aber das änderte nichts an ihrer Entscheidung. Und so liess sie nicht nur gebrochene Herzen zurück, sondern sie fragte sich auch, warum es ihr nicht möglich war das Ihre zu öffnen.

Bei ihr selbst versagte wohl das psychologische Geschick kläglich, während sie im Analysieren ihrer Patienten (und auch so mancher Freunde) hervorragend war.

Freya hatte nicht bemerkt, dass sie beim Grübeln in eine kleinere, kaum frequentierte Gasse eingebogen war, an der sie für gewöhnlich nur vorbei lief. Und sie stellte mit Erstaunen fest, dass ihr dieses Gässchen beim seltenen Gang nach Hause vorher noch nie aufgefallen war.

Bunte Fassaden, die auf künstlerische Aktivität hinwiesen, durchbrachen das Grau, mit dem sie die Stadt ansonsten assoziierte, und sie frage sich, ob sie sich wohl verlaufen hätte.

Noch erstaunter war sie jedoch, als sie vor sich ein Küken hüpfen sah.

Es quiekte trotz der Kälte vergnügt vor sich hin und hoppelte ihr vor den Füssen voran in Richtung Gassenende.

Eine Sackgasse?

Seltsam.

Ohne nachzudenken und instinktiv, lief Freya dem Küken hinterher. Sie bemerkte ein Stück voran eine gebrochene Eierschale am Boden und fragte sich ob sie irrtümlich einige der Medikamente, die sie für gewöhnlich ihren Patienten verschrieb, geschluckt hatte, bevor sie die Praxis verliess.

Diese Frage wurde brennender, denn das Küken setzte sich zwischen die beiden Hälften der Schale, piepte sie an und dann wurde das Ei wie durch Zauberhand ganz und begann gleichzeitig auch noch von innen heraus zu leuchten.

Freya war sprachlos und nahm das Ei zitternd in ihre Hände.

Sie stand in einer Gasse, die sie nicht kannte, vor einer Wand, alles menschenleer, und sie hielt ein Ei in ihren Händen in das zuvor ein Küken zurück geschlüpft war.

Mitten in der Stadt. Zu Mittag.

Sie dachte daran, sich notfallmässig in eine psychiatrische Klinik einweisen zu lassen. Sie kannte ja deren genug. Denn irgendeine Schraube schien sich da wohl zwischen den Ohren gelockert zu haben.

Und sie fiel fast in Ohnmacht, als das Leuchten des Eies sich verstärkte und die Farben eines Regenbogens annahm, der sich ausweitete und eine Brücke zu jener Wand zu schlagen schien, vor der ihr unfreiwilliger Abstecher das vorläufige Ende gefunden hatte.

Der Regenbogen berührte die Wand die nun zu flimmern begann und die gleichzeitig die Regenbogenfarben übernahm. Eine Mauer die nun transparent zu werden schien und die sich zunehmend zu einer wunderschönen Frühlingslandschaft wandelte, die sich tief und dreidimensional hinein erstreckte in das, nun nicht mehr ganz so stabile Mauerwerk.

Freya sah sich um und hoffte, dass jemand diese Halluzination mitbekam oder ihr zumindest einen Anker in die vertraute Realität zurück zuwarf, doch die Gasse war und blieb menschenleer. Sie konnte nicht einmal die Hauptstrasse erkennen, von der aus sie wohl ohne es zu bemerken abgebogen war.

Freya bekam es mit der Angst zu tun. Sie war solche irrationalen Ausbrüche nicht gewohnt und die Psychologin in ihr hatte eine Panik-Attacke, währenddessen ein unerwarteter Teil in ihr begann zunehmend Neugierde zu zeigen.

Die Wand vor ihr hatte sich endgültig in eine Frühlingswiese verwandelt und der Regenbogen, der aus dem Ei strömte, formte nun eine Brücke in diese seltsame, dreidimensionale Welt, die sich ihr dort eröffnete, wo eigentlich eine Hauswand stehen sollte.

Das Ei vibrierte nun, wurde immer wärmer und mit einem kleinen Aufschrei warf sie das Ei von sich, trat ein paar Schritte zurück und erwartete eigentlich eine Sauerei dort wo es aufgeschlagen war (Eier sind für gewöhnlich nicht die stabilsten Objekte). Doch dieses Licht-Ei war von dieser eigentlichen physikalischen Tatsache nicht beeindruckt und lag vibrierend und ganz geblieben ein paar Meter vor ihr.

In der Ferne sah sie einen roten Punkt auf der Regenbogenbrücke, der nun immer grösser wurde und sich zunehmend als ein Lebewesen entpuppte, das aus der Distanz in ihre Richtung zu tanzen schien.

Freya hatte genügend Horrorfilme gesehen, um zu wissen, dass dies selten gut ausging. Aber irgendetwas in ihr begann mit Faszination auf dieses abstruse Geschehen zu reagieren. Sie spürte, dass hier nichts geschehen würde, vor dem sie sich fürchten müsse.

Woher?

Das konnte sie sich selbst nicht erklären, aber diese Gewissheit hielt sie davon ab ihrem Instinkt zu folgen, einfach das Weite zu suchen und sich umgehend in Pflege zu begeben.

Das tanzende Wesen trat nun über die Brücke heraus aus der Frühlingslandschaft und hinein in die, nun nicht mehr so ganz grau wirkende Realität in der Freya sich bislang immer so wohl gefühlt hatte.

Es war eine wunderschöne Frau, wie sie feststellte. Langes rotes Haar ergoss sich über ihre Schultern, über ein ebenso rotes Kleid in das, bei genauerem Hinsehen, grüne Funken eingearbeitet schienen, die aber – und das widersprach jeder Vernunft – über ein Eigenleben verfügten und kein Funke blieb ruhig auf dem seidigen Rot sitzen.

Die Frau war barfuss und die eigentliche Kälte des grauen Asphaltes schien an ihr spurlos vorüberzugehen. Auch war das dünne Kleid, das ihren Körper umflutete, wohl genug, um nicht zu frieren. Denn im Gegensatz zu Freya schien diese Fremde von den harschen Temperaturen absolut unbeeindruckt zu sein.

Hinter der Frau die wunderschöne grüne Landschaft mit dem Regenbogen, der die Welten verband. Vor ihr eine erstaunte, irritierte und nervöse Freya der man ansah, dass sie nicht wusste, ob sie lachen, schreien, oder davonlaufen solle.

„Hallo“, sagte die Fremde und ihre Stimme erinnerte an das zarte Läuten lieblicher Feenglöckchen, das Summen wilder Bienen im Sonnenschein, und fröhlichem Gezwitscher spielender Vögel.

Es klang verwirrend, aber wunderschön.

„Hallo“? antwortete Freya und ihre Stimme erinnerte wohl eher an ein rostiges Reibeisen das lange nicht mehr in Verwendung gewesen war.

Sie räusperte sich, sagte etwas selbstbewusster noch einmal „Hallo“ und es klang immer noch nach Reibeisen, aber nicht mehr so rostig.

Die rotgekleidete Frau mit den grünen Funken im Kleid lachte und das Lachen explodierte in Freyas Brustmitte, verursachte einige Sprünge in dem Mauerwerk um ihr Herz, von dem sie bis eben nicht mal gewusst hatte, das es existierte.

„Kennst Du mich noch?“, zwitscherte die Frau und langsam begann es in Freya zu dämmern. Tief in ihrem Bewusstsein regten sich Erinnerungen. Nicht ihre, aber jene an die Geschichte, die man sich innerhalb ihrer Familie immer weiter erzählt hatte und der sie doch so sehr hatte entkommen wollen als sie den Sprung in urbane Gefilde wagte.

Erinnerungen an Hannah und deren Begegnung mit einer Göttin. An sich verwandelnde Tiere, an eine Regenbogenbrücke (plötzlich machte das Farbenspiel vor ihr so viel mehr Sinn) und an das Versprechen, dass man dieser Göttin, Ostara, gegeben hatte.

Das Versprechen mit dem Bemalen von Eiern und dem Verteilen dieser Eier, und der Erinnerung, die mit diesen bunten Eiern lebendig gehalten werden sollte, und ….

„Genau“ sagte Ostara. „Du erinnerst Dich“ und mit jedem Wort sprang ein Funken kindlicher Freude auf Freya über.

„Du bist Freya“, stellte die Göttin fest. „Ein schöner Name. Einer den auch ich trage“

„Wunderbar, dass Deine Eltern Dich mit ihm segneten. Das ist eine grosse Freude, und doch scheinst Du ihn nicht mit Stolz zu tragen. Darf ich Dich fragen, warum Du die Kraft hinter ihm nicht erkennen willst?“

Etwas zerbrach unerwarteterweise und überraschend in Freya und ein Fluss von Emotionen begann sich seinen Weg durch die Staumauern zu bahnen, die diese so lange zurückgehalten hatten. Während ihr Verstand sich protestierend in den Hintergrund verzog, übernahm ein Teil von Freya das Sagen, ein Teil der lange, viel zu lange, zum Schweigen verurteilt gewesen war.

„Ich mag ihn nicht. Er ist altmodisch. Er erinnert mich an meine Familie. Er ist nicht meiner. Ich mag nichts von Göttinnen hören (und ihr war irgendwie verschämt bewusst, dass sie gerade mit einer kommunizierte), nichts von Tradition, von Herkunft, und schon gar nichts von dieser Hannah“

Der Damm brach nun endgültig.

„Ich mag mich nicht verpflichten“ (und Tränen begannen zu strömen, liefen plätschernd ihre geröteten Wangen herab) „es ist alles so kompliziert und die Welt geht den Bach hinunter und Menschen sind schlecht und dumm und oberflächlich und alles ist sowieso zum Scheitern verurteilt, und macht keinen Sinn. Ich, ich… “.

Sie kam ins Stocken und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass hier eine Stimme aus ihr sprach die wohl eher zu einem kleinen Kind gehörte, einem enttäuschten Kind, das alle Hoffnung in die Menschheit verloren hatte. Eine Stimme, die nicht zu der erfolgreichen Psychologin in den Dreissigern passte, die anderen Menschen dabei half ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, während ihr eigenes ein Trümmerfeld aus gescheiterten Beziehungen und oberflächlichen Freundschaften darstellte. Und die alles wusste, dass es über die Psyche der Menschen zu wissen gab. Oder die alles darüber zu wissen glaubte.

Mitgefühl überzog Ostaras Züge. Echtes, reines Mitgefühl. Ohne Mitleid. Ohne Zynismus. Rein und klar und voller Unschuld. Ungewohnt ehrliches Mitgefühl wie Freya es in ihrem Leben bei noch keinem Menschen wahrnehmen durfte. Ein Mitgefühl ohne Leiden, ohne Kitsch und ohne Heuchelei. Ohne Eigeninteresse.

Einfach Mitgefühl.

Es bereitete Freya auf der einen Seite Unbehagen, und auf der anderen Seite versank ihre Seele darin, badete in diesen reinen, klaren Wassern und sie realisierte, dass dieses Mitgefühl ihre Seele aus der Starre riss und in heilende Fluten eintauchen liess.

Das Unbehagen schwand. Die Göttin lächelte. Ohne Sarkasmus. Ohne Hintergedanken. Einfach ein Lächeln, so warm wie eine Frühlingsbrise, so duftend wie eine Blumenwiese und so mild wie jene Temperaturen, in denen man sich einfach wohlfühlt, ohne zu frieren und ohne zu schwitzen. Gerade richtig, um sich darin zu entspannen und den Gedanken und Gefühlen freien Lauf zu lassen. Frühling eben.

Und die Gefühle liefen tatsächlich. Aus Freya heraus und dies ungebremst, ohne Widerstand. Während ihr Verstand immer noch protestierte und das Erleben als Halluzination interpretieren wollte, nahm Ostara ihr, Freyas Gesicht in ihre Hände, eine Berührung so sanft wie die Morgenröte. Und sie begann zu sprechen.

„Freya, Du bist eine Nachfahrin Hannahs und ihr Herz schlägt auch in Dir. Ich fühle Deinen Schmerz, fühle Deine Sehnsucht, die Du so lange verdrängt hast. Ich war immer mit Dir und bin immer mit Dir. Nicht nur durch den Namen, den Deine Mutter Dir gab. Ein Name, der so viel mehr in sich trägt als Dir bewusst ist oder als Du zulässt. Weisst Du eigentlich, welcher Tag heute ist?“

Die unerwartete Frage nach dem Datum brachte Freya etwas aus dem Konzept, und sie verneinte.

„Heute ist Equinox, Tag und Nacht im Gleichgewicht. Ostara, wie einige zu diesem Tag sagen“

„Aber Ostern ist doch erst in ein paar Wochen“, brachte Freya kurz zur Sprache.

„Ach Ostern. Ein schönes Fest. Es trägt meinen jungen Namen weiter, auch wenn nicht mehr viele an mich denken, wenn sie es feiern. Aber Ostara, das ist heute. Und deshalb dachte ich, es wäre an der Zeit, um Dich wieder an mich zu erinnern und damit an das Versprechen das Hannah mir einst gab“

Nun wurde es Freya doch etwas unwohl und sie dachte an Bestrafung für unerfüllte Versprechungen sowie die Konsequenzen, die sich in einer normalen Welt unumgänglich daraus ergeben würden.

Ostara spürte diese Regung und bevor Freya etwas sagen konnte, fuhr sie mit ihrem Monolog fort.

„Keine Angst, ich bin nicht böse oder gar verärgert. Der freie Wille ist ein Geschenk und ich habe nicht vor dieses Geschenk zu beschmutzen. Dein Name, Freya, trägt eine Qualität in sich, die ich ehre. Er drückt Freiheit aus. Und Du bist frei zu denken und zu handeln, wie Du willst. Und wenn Du diese Freiheit auf für Dich gesunde Weise lebst, dann weiss ich das durchaus zu schätzen, auch wenn Deine Interessen und die Meinen sich nicht immer decken mögen.“

„Und ich kenne Deine Zeit, Deine Welt, die Menschen in ihr. Bin Teil von ihr. Und auch wenn es mich betrübt, dass meine Freude ihre Herzen nur mehr selten erreicht, und sie lieber wegschauen, anstatt mich in jedem bisschen grün zu sehen, in jeder Farbe, die das Grau durchdringt wahrzunehmen, in jedem Vogelzwitschern, das zwischen dem Alltagslärm singt zu hören, so respektiere ich die Freiheit sich für das Grau zu entscheiden, den Strassenlärm, die Isolation. Und dass sie den Bildschirmen den Vorzug geben die sich so gut dazu eignen, sie in ihrer eigenen Realität zu bestärken, anstatt sie mit der Möglichkeit anderer Gedanken und Sichtweisen zu konfrontieren, sich mit dem Leben in seiner Vielfalt zu verbinden und aus den Unterschieden Kraft und Inspiration zu schöpfen.

„Und ich tanze meinen Tanz der Freude und halte mein Versprechen an den Frühling und das Leben, solange ich kann. Bringe die Wärme wieder und halte den Kreislauf lebendig. Wenn das was gestorben ist sich erholt hat und bereit ist für einen Neubeginn, dann verleihe ich ihm neues Leben. Wenn die Seele sich im Grau des inneren Winters verirrte, dann zeige ich ihr den Weg zurück in buntere Gefilde. So sie will“

„Tja, und manchmal bringe ich bunte Eier“, und ein Lachen fand mit diesen Worten seinen Weg in die Welt und an Freyas Ohren, „egal ob Erwachsenen oder Kindern“. „Damit sie sich auch heute noch auf die altmodische Art und Weise an mich erinnern“

„Ich bin sogar froh, übernehmt ihr das in dieser Welt heute nicht mehr alles selbst, denn so wie ihr Menschen mit den Hühnern und Küken umgeht und wie sehr ihr das Ei wohl eher zu einem Symbol des Schreckens gewandelt habt und der Masslosigkeit, so sehr trauert mein Herz, wenn eines «dieser» Eier in meinem Namen in den Nestern landet.“

Und kurzfristig war Ostaras Stimme traurig geworden. Und hörte man da so etwas wie leichten Ärger heraus?

In der Landschaft hinter ihr kehrte Leben ein. Hasen begannen zu hoppeln und Vögel zwitschernd durch die Lüfte zu fliegen. Bunte Schmetterlinge flogen von Blume zu Blume, während das Summen von Bienen das rege Treiben dieser wichtigen Helfer vermuten liess. Und blickte da nicht weit hinten ein Reh frech in ihre Richtung?

Freya bibberte kurz, doch bevor sie sich darüber gross Gedanken machen konnte, sprach die Göttin weiter und Fröhlichkeit vibrierte wieder mit jedem Wort durch die klare Luft.

„Ich erinnere Dich heute an mein Versprechen, Freya. Und an das Deine. Und an das der kleinen Hannah. Ich gebe Dir die Chance, Dich selbst mit diesem Frühling neu zu erfinden. Endgültig sterben zu lassen was Dich so lange vom Leben abhielt, und mein Geschenk des Lebens anzunehmen. Zu tanzen, zu lachen, zu lieben aber auch zu weinen, zu trauern und zu akzeptieren, das auch dies zum Tanz des Lebens gehört“

„Ich gebe Dir mein Versprechen, das ich und die Meinen Dich lieben werden, egal wie Du Dich entscheiden magst und egal, wie viele Fehler Du auf Deinem Weg begehen wirst. Es ist mir sogar lieber, wenn Du Fehler machst, anstatt aus Angst vor ihnen immer den scheinbar sicheren Weg zu wählen oder stehenzubleiben“

„Das empfehle ich meinen Patienten doch auch?“, unterbrach Freya die Rede der Göttin und sie erinnerte sich an ihre eigenen Lehren und Worte, mit denen sie Menschen oft unter die Arme griff.

„Ja, aber lebst Du es denn auch selbst?“, entgegnete Ostara. Eine Frage, die ins Schwarze traf. Denn wenn sie es sich ehrlich eingestand, so nahm sie es nie so genau damit, dass zu leben, dass sie anderen immer wieder als Unterstützung mit auf den Weg gab.

„Ich gab Hannah seinerzeit etwas mit auf den Pfad ihres weiteren Lebens und ich werde auch Dir etwas mit auf Deinen Weg geben, Freya“

Und sie nahm das Ei vom Boden auf, das immer noch in allen Regenbogenfarben leuchtete und strahlte. Sie Sie hielt es vor Freyas Brust und fragte: „Darf ich?“

Freya hatte keine Ahnung was nun passieren würde, doch wie konnte sie einer Göttin etwas verwehren (auch wenn sie sich nachher vermutlich fragen würde, ob sie all das wirklich erlebt hatte). Und so sagte sie „Ja“

Und Ostara nahm das Regenbogen-Ei und führte es an Freyas Brust, dort wo das Herz sass. Und es begann mit der Haut zu verschmelzen und in ihren Körper zu sinken, sich mit ihrem Herzen zu verbinden, das nun im Inneren zu strahlen begann und eine Wärme verströmte, die wohl auch einer grimmigen Polarnacht kraftvoll Paroli bieten würde.

Und mit dieser Wärme, diesem Leuchten setzte ein heftiges Gefühlschaos in Freya ein.

Freude, Leid, Weinen, Lachen, Trauer und Euphorie. Ein überwältigender Cocktail aus Emotionen, der dann langsam und beständig in ein Verstehen überging und damit einer Zufriedenheit und Liebe Platz schuf, die die ganze Welt mit ihrer Kraft zu umarmen schien.

Und Freyas Ausdruck bestätigte dieses Innenleben, denn zuerst suchten sich Tränenströme ihren Weg nach unten, die alles wegzuspülen schienen, das sich über die Jahre angesammelt hatte (das dort wie die Tränen den Boden benetzten grünes Gras zu wachsen begann fiel ihr übrigens erst nach dem Erlebnis auf).

Dann wurde aus hemmungslosen Weinen ein Lachen, und nachdem auch dieses abebbte kehrten Ruhe und Wissen ein. Ein innerer Frieden, der die Gesichtszüge entspannte und der sie um Jahre jünger scheinen liessen (zumindest war dies die Reaktion, die ihre Freunde und Kollegen zeigten und in Worte fassten, als später an diesem Tag die kollektive Realität wieder das Ruder in die Hand genommen hatte).

Ostara nahm Freya spontan an der Hand, zog sie an sich und begann mit ihr zu tanzen.

Waren da wirklich plötzlich Schmetterlinge um sie herum am fliegen?

Hoppelten da jene Hasen, die vorher den Hintergrund der Frühlingslandschaft belebt hatten, nun tatsächlich zwischen ihren tanzenden Beinen mit ihnen mit?

Und wuchsen tatsächlich Blumen dort, wo ihre Füsse über den Asphalt schwebten?

Freyas Verstand hatte es sich nun mit einer Tüte Popcorn im Hinterkopf gemütlich gemacht und realisiert, dass er sich manchmal auch einfach entspannen und dem Geschehen zusehen konnte. Er wusste nun, dass er zwischendurch auch einmal die Kontrolle abgeben dürfe ohne dass man ihm die Lizenz zum beistehen entzog.

Alles hatte seine Zeit. Auch er. Und er begriff, dass ihn das nicht weniger wichtig werden liess. Im Gegenteil

Nach einer gefühlten Ewigkeit des Tanzens drückte Ostara Freya einen Kuss auf die Wange und sagte einfach und ohne grossen Aufhebens: „Bis bald wieder, liebe Freya“. Sie löste sich aus der Umarmung und während Freya sich weiterhin beschwingt um sich selbst drehte und den Tanz noch kurz weiterführte, zog Ostara sich wieder über die Regenbogenbrücke in ihr Reich zurück.

Als Freya dies bemerkte, blieb sie stehen und sah wie gebannt in die Frühlingslandschaft. Dort stand sie die Göttin. Sie lachte und winkte ihr fröhlich zu. Und mit beschwingtem Herzen winkte Freya zurück, fühlte sich dabei wie neugeboren und vor allem wie ein kleines Mädchen. Und stand da nicht neben Ostara ein kleines Mädchen mit Zöpfen, das ihr ebenso zuwinkte?

Hannah?

Bevor sie das klar erkennen konnte wandelte sich die Frühlingslandschaft wieder in ein zweidimensionales Mauergebilde, das noch ein wenig unstet vor sich hin waberte, bevor es die gewohnte Festigkeit einer Wand annahm.

Und Freya stand wieder in der unbekannten Gasse und starrte auf diese Wand. Hinter sich vernahm sie plötzlich wieder die gewohnten Geräusche der grossen Stadt. Doch da war noch mehr.

Leichter Wind flüsterte ihr Geschichten ins Ohr, Vögel waren im Hintergrund zu hören die ihre Lieder vom Frühling sangen. Alles schien anders. Magisch. Lebendig. Und noch etwas.

Die Sonne schien!

Wo vorher grauer Himmel sich über dem urbanen Geschehen ausgebreitet hatte, strahlte nun ein gleissendes blau, dass die farbigen Wände der unbekannten Gasse fast hyperreal scheinen liess.

Freya lief, immer noch beschwingt und dennoch zunehmend wieder in der Gegenwart verankert auf die Hauptstrasse zurück. Dabei erblickte sie das Strassenschild der Sackgasse, in der sie der Göttin begegnet war.

Ostergasse.

Was für eine „Überraschung“

Sie sah auf die Uhr und realisierte, dass das ganze Geschehen wohl nur ein paar Minuten gedauert hatte. Es war noch nicht einmal Eins. Und doch hatte sie das Gefühl, den ganzen Nachmittag mit der Göttin verbracht zu haben.

Sie begann ihren Weg nach Hause fortzusetzen. Die Luft war frisch, jede Farbe im städtischen Grau schien an Intensität gewonnen zu haben und sie nahm Töne wahr, von denen sie vorher nicht einmal gewusst hatte, das sie existieren. Sie sah Paare Hand in Hand und Menschen lächeln. Als hätte jemand ihren Wahrnehmungs-Filter neu kalibriert.

Ihr Smartphone vibrierte, das endgültige Ankommen in der für sie gewohnt realen Welt, und obwohl sie keine Lust auf telefonieren verspürte, sondern lieber das Erlebte verarbeiten und den Zauber geniessen wollte, der ihr Herz befreit hatte (sie fühlte das leuchtende Ei in ihrer Brust immer noch vibrieren und Wärme verströmen) nahm sie es aus ihrer Tasche und sah, dass es ihre Mutter war.

Es war eine Ewigkeit her, dass diese versucht hatte, sie zu erreichen. Wunder auch, war das Verhältnis über Jahre nicht das Beste gewesen. Was mehr an Freya als an der Mutter lag.

Sie entsperrte und führte das Telefon ans Ohr.

„Mama?», hauchte sie in den Hörer.

„Happy Ostara“ sagte ihre Mutter.

Ende