Moderne Hexen heute

Hexenschrein

Dass das Hexentum derzeit im deutschsprachigen Raum nicht mehr unbedingt in den Bereich der „trendigen Spiritualität“ fällt, wäre eigentlich ein Segen als es diesen tiefgehenden und lebendigen Mysterienpfad von jener Oberflächlichkeit befreit, die dank „Charmed“ und „Buffy“ Anfang 2000 für einen regelrechten Boom sorgte und die viele für den Weg der Hexen und Wicca begeisterte. Dass die Vorstellung dieser Neueinsteiger sich dabei oft an völlig unrealistischen Darstellungen von Magie und Energiearbeit orientierte, war denn wohl auch der Grund warum so manche/r sich auch rasch wieder aus der Szene verabschiedete und zu neuen, „vielversprechenden“ Ufern aufbrach, die einem raschen Reichtum, ewige Liebe, unbeschwertes Leben und vor allem rundum Glück versprachen. Dennoch hatte der Boom einen grossen Vorteil: das Bild von Hexen änderte sich durch den offenen Umgang und auch Wicca, die initiatorische Religion im Hexentum, erhielt Aufmerksamkeit. Langsam begann sich ein neues Bild dieser rituell arbeitenden Männer und Frauen zu manifestieren, welches bis heute einen vorurteilsfreieren Blick der Gesellschaft zur Folge hat.

Dennoch ist gegenwärtig erneut eine zunehmende Polarisierung erkennbar die vor allem den Begriff „Hexe“ betrifft, der nach und nach wieder in negativem Kontext und vor allem in Verbindung mit Manipulationsmagie und ähnlichem Schabernack genannt wird. Zu verdanken ist dies unter anderem einer Reihe illustrer Menschen die in Zeitungen inserieren und die dort ihre Dienste zu „Liebeszaubern“, „Partnerrückführungen“, ja sogar „Schadensmagie“ anbieten oder die auch auf dem TV Bildschirm herumzaubern und die ungefähr so jedes Klischee verkörpern, das die seriösen Hexen über Jahrzehnte mittels Aufklärung zu verdrängen oder zumindest abzumildern versuchten. Mit temporärem Erfolg. Natürlich sollte man hier auch feststellen, das es Menschen gibt die in einer Polarisierung von „schwarzer“ und „weisser“ Magie und der damit verbundenen magischen Sicht ihre persönliche Erfüllung finden und die mit dem Hochhalten überholter Ansichten und dem ständigen Kampf gegen irgend etwas vor allem ihr Ego nähren und die persönliche Wichtigkeit anheben. Ob dies, auch psychisch, gesund ist: diese Überlegung und Wertung sei dem Leser überlassen. Und überhaupt ist dies etwas das man seit Jahrtausenden in allen Schichten, Religionen und der Politik kennt. Menschlich eben.

Was aber bedeutet es denn heute überhaupt „Hexe“ zu sein? Nimmt man den Begriff an sich ist damit auch heute noch eigentlich in erster Linie ein Mensch gemeint, der sich innerhalb verschiedener Realitäten bewegt, „auf dem Zaun“ zwischen hier und den Anderswelten, die je nach Tradition und Bewusstseinsfilter unterschiedliche Landkarten zur Arbeit in und mit ihnen bieten. Die Verwandtschaft mit Schamanismus (auch von Scott Cunningham in seinem Werk „Wicca“ herausgestellt) ist hier nicht von der Hand zu weisen und in irgendeiner Weise muss die Hexe diesen Anspruch erfüllen. Macht dies gleich jeden der mit Energie arbeitet oder der Karten legt zur Hexe? Mitnichten, auch wenn letzteres dank lebendiger Klischees oft sehr in den Köpfen der Gesellschaft verankert ist und von verschiedenen VertreterInnen der Wahrsager-und Orakelzunft bewusst so am Leben gehalten wird. Die Intention dahinter muss jeder für sich selbst begründen.

Es ist nicht von der Hand zu weisen das Wicca, eine von Gerald Brousseau Gardner in den Sechzigern ins Leben gerufene Tradition die auf Initiation, Covenarbeit und heidnischen sowie zeremonialmagischen Elementen fusst, in Sichtweise und Praxis jener Menschen die sich als „neue Hexen“ bezeichnen eine grosse Rolle spielt und das Bild heute enorm prägt. Denn während „Hexe“ eben eigentlich nicht gross an Regeln, wohl aber an ein gewisses Können gebunden ist, leben die meisten die sich heute als „Hexe“ bezeichnen nach einer Ethik und innerhalb einer Ritualpraxis die von Wicca und anderen Naturreligionen wie dem Neo-Druidentum gezeichnet ist. Im positiven Sinne, wohlgemerkt.

So stehen für die seriösen Wanderer dieses magischen Pfades oft Werte wie Selbstverantwortung, stete Weiterbildung, Heilung (in erster Linie erst einmal sich selbst), die Wiccan Rede („Tu was Du willst aber schade niemandem“ als philosophische, lebenslange Denkaufgabe), tägliche Praxis und Verbindung mit dem Göttlichen im Innen und Aussen (Gebet, Meditation, Tanz, Kreativität, usw…) und das Bewusstsein von Ursache und Wirkung im Vordergrund („alles was Du tust hat auch Auswirkungen auf Dich“). Ein Ethik-Netz das sich über einen Grossteil der Traditionen spannt und innerhalb dessen sich auch viele Eklektiker auf Solopfaden sich bewegen. Das Zelebrieren des Wicca-Jahreskreises mit seinen acht Festen ist ebenfalls etwas, das heute in fast allen Hexenbüchern in den Vordergrund gestellt wird. Dieser Jahreskreis, der im wesentlichen auf vorchristlichen Bräuchen beruht und der das Werden und Vergehen innerhalb der Natur beschreibt, wird inzwischen sogar oft in den modernen, westlichen Schamanismus integriert, der als solcher in seinem derzeitigen Trendsog ebenso etliche eklektische Elemente aufweist. Das Feiern von acht(!) Festen ist eben etwas das so erst in Wicca praktiziert wurde als Resultat einer Zusammenlegung der keltischen und nordischen Hochfeste durch Gardner und Co.

Auch das Arbeiten mit Gottheiten und anderen Wesen der Innen- und Aussenwelten gehört zu Lehre und Erfahrung, was den schamanischen Charakter der Hexe hervorhebt, das in der Ritualistik mit der es oft verbunden wird jedoch eher an der Wicca-Praxis und derer ritualmagischer Wurzel orientiert ist.

Etliche bringen auch heute mit dem Hexentum das Praktizieren von „Magie“ in Verbindung, doch unabhängig davon wie man „Magie“ für sich definiert: magische Praxis ist weder im Hexentum noch in Wicca eine Voraussetzung, die Arbeit in veränderten Bewusstseinszuständen zwecks Erkenntnis und Lernen ist jedoch sehr wohl etwas das sowohl Wicca (oft über die hermetisch angehauchte Ritualistik, Chants, etc…) als auch die Hexe (mit schamanischen Praktiken wie Trommel, Trance, etc. …) beherrschen sollten. Denn die Arbeit auf dem Zaun „zwischen den Welten“ ist eine essentielle Grundlage. Genauso wie die notwendige Erdung und das Lernen des Auseinanderhaltens von Fantasie und tatsächlichem Erleben.

Macht das ein „Channelmedium“ zur Hexe weil es ja mit „anderen Wesen“ arbeitet? Nein, auch wenn vielleicht einige Hexen channeln. Ist die Tarotlegerin von nebenan somit Hexe? Nein, obwohl das Beherrschen einer Orakeltechnik auch zwecks Lernprozess im Bereich der Eigenentwicklung für Wicca und Hexen von Vorteil ist und zumeist auch praktiziert und in der Ausbildung gelehrt wird. Ist der Reikimeister automatisch Hexe? Nein! Auch wenn viele Hexen Reiki und andere Formen der Energiearbeit beherrschen.

Das Hexentum ist heute zu einem Teil der Naturspiritualität geworden und hat sich als Bereich dieser etablieren können. Und Natur heisst, sich verbinden mit dem Land, der Umgebung und den Gegebenheiten im ländlichen aber auch urbanen Raum. Respekt und Demut vor dem Leben und der Mutter Erde. Wo in dieses Bild jene Wahrsager und grell geschminkten, schmuckbehängten Damen (und manchmal auch Herren) passen, die bei Regen zu Hause bleiben und die beim Anblick einer Spinne oder Maus laut kreischen, das muss ebenso jeder für sich bewerten.

Und die wichtige Frage: praktizieren Hexen „schwarze oder weisse Magie“? Nicht unbedingt! Denn Magie wird im seriösen Hexentum zur Heilung und Weiterentwicklung des eigenen Selbst genutzt und die Polarisierung ist eher ein Nachhall einer kirchlich christlichen „Gut/Böse“ Geschichte in der es um Angst und Macht geht, zwei Dinge die generell und religionsunabhängig oft das menschliche Wesen beherrschen. Natürlich auch das einiger Hexen, Wicca, aber auch Katholiken, Schamanen, ect..
Das Erkennen der eigenen Ängste, Muster, und die Arbeit mit hellen und dunklen Anteilen im Sinne der Ganzheit, der eigenen Göttlichkeit und des Göttlichem in allem jedoch ist es, das oft auch mittels Magie gefördert und er- bzw. verarbeitet wird. Und die moderne Hexe hat schon längst realisiert, das Magie und Psychologie so verschieden nicht sind und einander oft die Hand reichen, in Theorie und Praxis.

Dieser Beitrag trägt den Titeln „Moderne Hexen heute“ und so kommt man nicht umhin hier eine Definition zu treffen und eine kleine Zusammenfassung zu bieten, auch wenn eine genaue Betrachtung noch viele viele Zeilen mehr beanspruchen würde:

Die heutige, moderne Hexe ist oft , aber nicht immer, von Wicca geprägt, widmet sich der Heilung an sich selbst und der Umwelt, schafft nach einer Ethik und oftmals innerhalb einer Tradition. Sie ist der Arbeit zwischen den Welten mächtig und arbeitet auch und vor allem an sich selbst um darüber die eigene Realität mit jener im Aussen in Einklang zu bringen. Magie kann, muss aber nicht praktiziert werden, wohl aber die Heilung an sich selbst. Hexen sind HeilerInnen, müssen dies aber nicht in den Dienst der Öffentlichkeit stellen, oder machen dies innerhalb ihrer gewählten Tätigkeit auch in ihrem Beruf. Manipulation des Aussen wird im wesentlichen nicht praktiziert, wohl aber sollte man sich auf seiner inneren Landkarte zurechtfinden, denn der alte, weise, magische Spruch „Wie Innen so Aussen, wie Oben so Unten“ hat eine tiefe und zeitlose Bedeutung. Im Verbund mit den Elementen zu arbeiten wird hier die besten Resultate nach sich ziehen. Moderne Hexen arbeiten darüber hinaus auch mit den Mitteln die ihnen diese Zeit und diese Realität zur Verfügung stellen, was auch Technologie und urbane Strukturen mit einbezieht.

Die heutige Hexe arbeitet damals wie heute innerhalb der Gesellschaft und sich in Fantasiewelten zurück zu ziehen oder Zeiten nachzutrauern die so nie existiert haben mag generell in der Naturreligion (aber auch auf anderen Pfaden) vorkommen, hat aber mehr mit Realitätsflucht denn mit modernem Hexentum zu tun. Spiritualität wird nicht als Hobby an Feierabend gelebt oder am Hochfest zelebriert, sondern durchdringt den Alltag egal ob in Beruf, Schule oder im Club. Eine Erforschung der eigenen Wurzeln und geschichtlicher Tatsachen ist hier eine Bereicherung die den Pfad erden und bereichern. Die moderne Hexe sucht nach verbindenden Pfaden und wird nicht versuchen alles mit Spiritualität zu heilen, sondern im Rahmen der Heilarbeit wohl auch Psychologen oder Schulmediziner zu Rate ziehen wenn es nicht anders geht. Denn auch das ist ein „verbinden der Welten“…

Ein Bewusstsein für unsere Erde und das Leben in seinen Facetten zu entwickeln ist bereits Heilung und andere dafür zu sensibilisieren schafft Kreise. Die Beschäftigung auf Fachgebieten (Arbeit mit Pflanzen, Tieren, Orakelarbeit, usw.) ist eine Bereicherung die eigene Stärken und Talente pflegt und perfektioniert.

Moderne Hexen arbeiten oft alleine (inzwischen auch die eigentlich eher covenbasierten Wicca – aber das gibt Raum für einen weiteren Artikel und sprengt hier den Rahmen) aber oft auch in Gruppen und Zirkeln. Mehrere Realitäten zu erkennen heisst auch, eine erweiterte Wahrnehmung und die Gabe gegebenenfalls zwischen Paradigmen/Realitäten zu wechseln.

Dies ist natürlich eine persönliche Sichtweise, basierend auf jahrelanger Erfahrung, Erleben aber vor allem Praxis, und der Autor dieser Zeilen ist sich dessen mit jedem Buchstaben bewusst.

Dennoch glaube ich als Schreiberling, damit das Wesen des heutigen, modernen Hexentums ganz gut erfasst zu haben. In jedem Fall gibt es Raum für weitere Artikel und soll zum nachdenken anregen. Wichtig ist mir abschliessend noch eine weitere persönliche Feststellung:

Viele die sich heute noch für das Hexentum interessieren, sind eigentlich letztlich wieder nur an Rezepten und magischen Mittelchen zur raschen Problembeseitigung ihrer Missstände interessiert. Oder an der angeblichen Macht die damit versprochen wird: damals wie auch leider heute noch. Auch das Flüchten aus der Alltagsrealität in eine Fantasiewelt ist für manche die eigentliche Intention! Dass es sich beim Hexentum und Wicca um kreative Pfade der Praxis und des lebenslangen Lernens und Weiterentwickelns in Verbund mit den Anderswelten handelt, verdrängt so mancher. Doch genau das macht es zu einer Herausforderung der sich auf lange Sicht nur wenige stellen. Lieber surft man von Trend zu Trend (heute Yoga, morgen Schamanismus, übermorgen Channeling, usw…) und sonnt sich in Titeln die oft in Wochenendkursen erworben scheinen.

Hexe heute und Wicca bedeutet jedoch mehr und kann nicht – wie jeder andere tiefgehende Weg, zu denen oben genannte für sich übrigens genauso zählen – mit ein bisschen hier und ein wenig da erlebt und verstanden, ja gar verinnerlicht werden. Und es sind keine Pfade des Leidens, denn das Leben in Licht und Schatten zu zelebrieren, zu lachen und zu weinen, nach Perfektion streben aber auch herzlich einmal ins Fettnäpfchen zu treten, einfach Mensch und sich seiner Verantwortung bewusst zu sein: das ist es was sie letztlich so freudvoll und ganzheitlich macht!

Es sind keine einfachen Pfade, aber sie sind es wert dran zu bleiben wenn man den Ruf verspürt hat und wirklich seinem Herzen folgt. Und sie sind am Puls der Zeit. Verbinden alte Pfade und modernste Erkenntnisse in einer Welt deren Herzschlag immer noch den Rhythmus unserer Ahnen, unserer Generationen und unserer Nachfahren schlägt.

Wilhelm „Dreamdancer“ Haas