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Dieser
Artikel ist noch aus meinen Anfängen als Ladeninhaber. Inzwischen floss
viel Wasser die Reuss hinab. Ich konnte mich etablieren, hatte zwei
Fernsehauftritte ("Quer" und "Aeschbacher") und natürlich hat sich viel
verändert. In meinem Leben. In meinem Alltag. Aber es macht Freude,
diesen Artikel zu lesen, der damals ein ziemliches Echo auslöste und
dank dem die Zwischenwelt rasch bekannt wurde. Viel Freude beim Lesen.
Bericht in der Neuen Luzerner Zeitung, 26. Oktober 2001
Wilhelm Haas, Luzern
«Magie ist kein Hokuspokus»
Pünktlich
zur importierten Gruselnacht Halloween sind Geister und Hexen
omnipräsent. Doch jenseits aller Kostüm- und Kürbispartys leben sie
unter uns: Hexen von heute. Ein Porträt.
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Die
Hexe trägt Jeans und T-Shirt, einen silbernen Ohrring und ein trendiges
Bärtchen. Ihresgleichen kennen sie unter dem Namen Dreamdancer. Freunde
sagen liebevoll Dreamy. Oder einfach Willie. Wilhelm Haas, 35 Jahre
alt, ist eine moderne, bekennende Hexe. Sein Reich ist die
«Zwischenwelt», ein kleiner Laden an der Weggisgasse, mitten in Luzerns
Altstadt (Anmerkung von Dreamdancer: Der Laden befindet sich nun in der Bruchstrasse 47, 6003 Luzern)
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Sphärische
Flötenklänge tönen hier aus den Boxen einer Stereoanlage. In der Luft
liegt ein schweres Gemisch aus dem Duft verschiedener Kräuter,
ätherischer Öle, wenig Weihrauch. In Holzregalen an den Wänden findet
sich alles, was ein Hexenherz begehrt: Tarotkarten, Bücher,
Symbolschmuck, getrocknete Kräuter und Harze zum Räuchern - säuberlich
geordnet, von A wie Aloa bis Z wie Zedernholz.
Jedem das Seine
Mit
vermännlichten Bezeichnungen wie Hexer, Hexerich oder gar Hexenmeister
kann Wilhelm Haas nichts anfangen. «Diese Wörter implizieren für mich
einen typisch männlichen Machtanspruch», erklärt er in seinem breiten
Wiener Dialekt. Dies vertrage sich nicht mit seinem «spirituellen Weg».
Ausserdem sei das Wort Hexe im Grunde geschlechtsneutral, lasse es sich
doch auf das althochdeutsche «hagazussa» zurückführen: ein sich auf
Zäunen aufhaltendes Wesen, ein Wesen an der Grenze also, zwischen den
Welten.
Wilhelm
Haas zählt sich zu den Wicca-Hexen, einer Gruppierung von modernen
Heiden, die sich auf verschiedene überlieferte Mythologien, Bräuche und
Rituale beruft, insbesondere auf solche keltischen Ursprungs. Zu den
höchsten Werten der Wicca-Hexen gehören Selbstbestimmung, Toleranz und
Rücksichtnahme. «Jeder soll seinen ganz persönlichen Weg finden», sagt
Wilhelm Haas. «Tu, was du willst, aber schade niemandem» steht als
Leitspruch über der Ladentür.
In der «Zwischenwelt» sind denn auch
alle willkommen. Gleichgesinnte, Neugierige, Freunde, Fremde. Jeden
Besucher begrüsst Dreamdancer mit demselben herzlichen «Hallo». Wer
etwas Zeit mitbringt, wird zu einer Tasse Tee eingeladen. Und zum
Plaudern.
Willhelm
Haas spricht gern, viel, schnell, aber überlegt und präzis. Zuweilen
beginnt sein Fuss unter dem Tisch in irrem Tempo zu wippen, als ob es
ihn nervös mache, dass seine Gedanken um ein Vielfaches schneller
fliessen, als seine Sprache sie mitzuteilen vermag. Er lacht: «Ich
weiss, ich bin ein Zappelphilipp.»
Neue alte Spiritualität
Schon
als Kind war Wilhelm Haas, aufgewachsen in einem katholischen Wiener
Elternhaus, von allem Magischen fasziniert. Auch von der Mystik und den
Ritualen, die er in der Kirche erfuhr. «Doch je älter ich wurde, desto
mehr verlor ich meine Spiritualität aus den Augen», sagt er. Als er
Anfang der Neunzigerjahre in die Schweiz kam, verfolgte er in erster
Linie berufliche Ziele. Damals träumte er von einer Musikerkarriere. Er
spielte und sang in verschiedenen Bands, organisierte die ersten
Techno-Raves in Luzern, schrieb nebenbei für die «Luzerner Zeitung»
Musikberichte. Später wechselte er in die Gastroszene, führte den
«Flora-Club», dann das «Adagio».
«Irgendwann hatte ich von dieser
oftmals oberflächlichen Szene die Nase voll», erinnert er sich. Es zog
ihn nach Florida, wo er seine Unzufriedenheit hinter sich zu lassen
hoffte. Dies gelang ihm nicht. Bald schon hatte er Heimweh nach Luzern.
Doch an Stelle des grossen Glücks fand er in Amerika die Wicca-Kultur,
die dort als Religion akzeptiert ist. «In ihr sah ich all das
ausformuliert, was mich schon immer im Innersten bewegt hat.»
Vorurteile und schwarze Schafe
Dreamdancer
ist in guter Gesellschaft: Hexe sein ist im Trend, weltweit. Im
Internet wimmelt es geradezu von Wicca-Homepages und Hexen-Foren.
«Viele Hexen tauschen sich im Netz aus, weil sie dort ihre Anonymität
wahren können», meint Wilhelm Haas. Wer sich öffentlich als Hexe
bekenne, müsse mit Unverständnis und Anfeindungen rechnen. Denn das
Bild von der Hexe als hässlichem, bösem, altem Weib, das mit dem Teufel
im Bund steht, sei nach wie vor in den Köpfen der Menschen zementiert -
«ein Bild, das aus einem uralten Volksglauben an Märchen- und
Sagenhexen hervorgeht und das die mittelalterliche Kirche für ihren
Kampf gegen Ketzerei verstärkte und benutzte», weiss Wilhelm Haas. Mit
seinem Wissen über Kirchen-, Hexen- und Heidengeschichte begegnet er
auch jenen, die moderne Hexen mit Satanisten verwechseln: «Satan ist
eine Erfindung des Christentums. Wie sollten wir Heiden, die diese
Figur in unserer Tradition gar nicht kennen, uns mit ihr in Verbindung
bringen?»
Also
haben Hexen von heute nur Gutes im Sinn? «Natürlich gibt es auch
schwarze Schafe, die unter dem Namen Wicca oder Hexe Unsinn treiben.
Doch schwarze Schafe gibt es überall.» Wieder wippt Dreamdancers Fuss
in atemberaubendem Tempo, und seine Hände suchen mit heftigen Gesten
seine Argumente zu stützen. Er wolle mit seinem «spirituellen Weg»
nicht missionieren, betont er, doch er rede offen darüber, um falschen,
negativen Hexenbildern entgegenzuwirken.
Meditation statt Liebeszauber.
Vorgefertigte
Bilder fegt Wilhelm Haas auch mit seinem Äusseren weg, das vielmehr den
DJ erahnen lässt als ein Dasein als Hexe. Nichts Übernatürliches,
nichts Rätselhaftes strahlt er aus. Einzig die stahlblauen Augen mögen,
je nach Lichteinfall, ein wenig irritieren. Kann er denn wenigstens
zaubern?
«Ich glaube an die Magie», sagt er. Für ihn sei Magie aber
nichts Abgehobenes, kein Hokuspokus, vielmehr eine konzentrierte Form
von Energie. Jeder könne lernen, Energien zu steuern: «Auch Christen
üben in gewissem Sinne Magie aus, wenn sie beten.»
Dreamdancer
steuert seine Energien vor allem durch persönliche Rituale und
Meditation - was geheimnisvoller tönt, als es ist: Je nach Seelenlage
lässt er bestimmte Räuchermischungen abbrennen. Täglich führt er ein
kleines «Lichtritual» durch, entzündet Kerzen für die Götter, die er
verehrt. Und um mit sich selbst ins Reine zu kommen, sucht er Kräfte in
der freien Natur, geht im Wald spazieren.
«Magie
erfordert Vorsicht, Wissen und Respekt», sagt Wilhelm Haas, «sie darf
nicht manipulieren.» Jungen Mädchen, die in der «Zwischenwelt» nach
irgendwelchem Liebeszauber verlangen, rät er davon ab. Stattdessen
empfiehlt er ihnen, das eigene Selbstbewusstsein zu stärken, zu
meditieren. «Nicht wirklich geschäftsförderlich», kommentiert er
schmunzelnd.
Für eine bessere Welt
Die
«Zwischenwelt» ist nun seit knapp zwei Monaten offen und rentiert noch
keineswegs. «Mit meinem Laden habe ich mir einen Traum erfüllt», sagt
Wilhelm Haas. Um diesen zu wahren, arbeitet er zu 60 Prozent als
Barkeeper und DJ im «Chakra», dem kleinen Untergrund-Club im Hotel Drei
Könige.
Dreamdancer - ein naiver Weltverbesserer, ein Traumtänzer
eben? «Es kümmert mich nicht, was die Leute in mir sehen. Manche
bezeichnen mich auch als Neo-Grünen. Solange man mir meinen Weg lässt,
bin ich zufrieden. Und wenn ich dadurch Gutes nach aussen tragen kann,
ja, dann hoffe ich schon, die Welt ein wenig zu verbessern.» Sagts,
lächelt, schenkt Tee nach und bringt eine neue Duftmischung zum
Räuchern.
VON REGULA WEBER
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